Schwetzingen / Tiefengeothermie: Politisches Erdbeben im Lutherhaus

Vollbesetztes Lutherhaus in Schwetzingen: Rund 300 Bürgerinnen und Bürger verfolgten aufmerksam die Diskussion über ein geplantes Tiefengeothermieprojekt in Schwetzingen.
(mb – 23.04.26) Schwetzingen/Plankstadt. Wenn die Gemeinderäte von Schwetzingen und Plankstadt am gestrigen Mittwochabend frei über „Tiefengeothermie in Schwetzingen: Ja oder nein?“ hätten entscheiden dürfen, wäre das Ergebnis angesichts der teilweise knallharten und sehr deutlichen Stellungnahmen ein klares Nein.
Oberbürgermeister Matthias Steffan (Schwetzingen) und Bürgermeister Nils Drescher (Plankstadt) hatten die erste gemeinsame öffentliche Gemeinderatssitzung beider Kommunen eröffnet und rund 300 Bürgerinnen und Bürger begrüßt. Steffan stellte gleich klar: Es gehe bei dieser Sitzung nicht um eine Entscheidung für oder gegen das Projekt, sondern lediglich um die Vorstellung des Standorts durch den Vorhabenträger GeoHardt GmbH. Das Geothermie-Beschleunigungsgesetz des Bundes lasse den Kommunen ohnehin kaum Handlungsspielraum.
Die beiden GeoHardt-Geschäftsführer Stefan Ertle und Matthias Wolf präsentierten den Standort am Rondellweg als „sehr vielversprechend“ und kündigten für Schwetzingen voraussichtlich vier Bohrungen an. Ertle betonte, „diese Technik ist reif, diese Technologie funktioniert“, und er stellte man mache keinen Rohstoffabbau, sondern nutze die Wärme aus dem Erdinneren.
Doch die Räte nutzten die Bühne, um ihre Haltung unmissverständlich klarzumachen:
Karl Rupp (Freie Wähler) sprach von einer „Alibiveranstaltung“, kritisierte den anonymen Grundstücksankauf und den Einsatz von Vibro-Trucks in dicht bebauten Gebieten. Der Standort liege nur 300 Meter von Wohn- und Gewerbebebauung entfernt: „Somit ist er völlig ungeeignet.“
Markus Bürger (CDU) nannte erhebliche Unsicherheiten im Erdbeben- und Wasserschutzgebiet, kritisierte fehlende Transparenz und unklare Schadensregulierung und forderte unabhängige Gutachten sowie echten Dialog: „Die Entscheidung über Tiefengeothermie ist keine rein technische, sondern auch eine gesellschaftliche Frage.“
Robin Pitsch (SPD) warf GeoHardt vor, Transparenz und offene Kommunikation den wirtschaftlichen Interessen geopfert zu haben: „Was passiert eigentlich bei einer möglichen Havarie des Kraftwerks?“ Das Vertrauen fehle komplett.
Werner Zieger (parteilos) kündigte an, dem Vorhaben nicht zuzustimmen, und bemängelte, dass das Verursacherprinzip bei der Schadensregulierung ausgehebelt werde.
Dr. Michael Rittmann (Bündnis 90/Die Grünen) und Prof. Dr. Oliver Brand (FDP) standen der Technik und Schwetzingen als Standort grundsätzlich offener gegenüber. Rittmann betonte, dass die Abhängigkeit von fossilen Energiequellen fatal sei, er sah Tiefengeothermie als eine Chance.
Aus Plankstadt kamen ebenfalls skeptische Töne. Dr. Stephan Verclas (Plankstadter Liste) äußerte Sorgen um Grundwasser und Gebäudeschäden sowie unklare Haftungsfragen. Jutta Schuster (CDU) sprach von „erheblichen Gefahren“ und vermutete, dass es bei dem Projekt auch um Lithium-Gewinnung gehe. Thomas Burger (Grüne Liste Plankstadt) führte aus, dass man angesichts der derzeitigen geopolitischen Lage erlebe, wie abhängig man sei. Es gehe auch um Versorgungssicherheit und eine Infrastrukturentscheidung mit langfristiger Wirkung.
Anja Kegler (SPD) sah „erhebliche Gründe“, dem Antrag nicht zuzustimmen, und setzte stattdessen auf Wind- und Solarenergie. Kegler: „Induzierte Erdbeben sind kein theoretisches Risiko, sondern in vergleichbaren Regionen bereits vorgekommen.“
Mit dieser kritischen Haltung stimmten die Schwetzinger Gemeinderäte einstimmig und die Plankstädter Gemeinderäte mehrheitlich (bei zwei Gegenstimmen) dem Beschlussvorschlag zu, der grundsätzlich besagt, das Projekt konstruktiv-kritisch zu begleiten.
Im zweiten Teil der Veranstaltung, dem Infomarkt, machte Volker Engelfried, Sprecher der Bürgerinitiative gegen Tiefengeothermie Schwetzingen und 2. Vorsitzender des Bundesverbandes gegen Tiefengeothermie, die Stimmung der kritischen Bürger deutlich.
Er warf GeoHardt gebrochene Versprechen vor, berichtete von eigenen Schäden durch die Vibro-Trucks (90.000 Euro von der Versicherung, nur 2.950 Euro von GeoHardt) und forderte eine Landesbürgschaft zum Neuwert. Engelfried: „Das Vertrauen ist aufgebraucht.“ Auch er sieht Lithium als eigentliches Ziel und kritisierte, dass ein Erdbeben oder eine Grundwasserverseuchung nicht an Gemeindegrenzen haltmache. Er forderte daher, zu künftigen Veranstaltungen auch Bürger aus Oftersheim, Brühl und Ketsch ebenfalls miteinzuladen.
Gegenüber unserer Redaktion erklärte Bürgeraktivist Engelfried im Nachgang: „GeoHardt soll Wort halten, dass dieses Projekt nicht gegen den Willen der Bevölkerung kommt. Es ist nicht in Ordnung, über die Köpfe der Bevölkerung hinweg zu entscheiden und dies mithilfe des Geothermie-Beschleunigungsgesetzes durchzudrücken.“
Fazit eines langen Abends: Die Gemeinderäte beider Kommunen haben trotz des engen gesetzlichen Rahmens ihre Haltung unmissverständlich klargemacht. Formal wurde mitgespielt, um wenigstens Transparenz und Sicherheitsauflagen zu „erzwingen“. Inhaltlich ist das Misstrauen gegenüber GeoHardt und diesem konkreten Standort jedoch riesig. Der Dialog hat gerade erst begonnen, aber er wird hart geführt werden. (Matthias Busse)
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