PISA-2025-Debakel: Zehn Fragen an Andreas Sturm

Andreas Sturm MdL im Bildungsinterview von Schwetzingen Lokal zur PISA-Studie 2025

„Bildung am Abgrund?“ – Schwetzingen Lokal stellt Andreas Sturm MdL, bildungspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Baden-Württemberg, zehn Fragen zur PISA-Studie 2025.

(mb – 10.09.26) Schwetzingen/Hockenheim. Die Ergebnisse der Studie „PISA 2025“ sind ernüchternd: Deutschlands Schülerinnen und Schüler erreichen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der PISA-Erhebungen. Rund ein Drittel der 15-Jährigen verfehlt inzwischen grundlegende Mindeststandards. Gleichzeitig bleibt der Bildungserfolg in Deutschland besonders stark von der sozialen Herkunft abhängig.

Die Zahlen werfen grundsätzliche Fragen auf: Warum führen steigende Bildungsausgaben nicht zu besseren Ergebnissen? Wie kann verhindert werden, dass immer mehr Jugendliche bei den Basiskompetenzen den Anschluss verlieren? Welche Rolle spielen Sprachförderung, Schulbegleitung, Leistungsanforderungen und der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz? Und woran lässt sich messen, ob milliardenschwere Programme wie das Startchancen-Programm tatsächlich Wirkung zeigen?

Schwetzingen Lokal hat dazu dem Landtagsabgeordneten Andreas Sturm (Wahlkreis Schwetzingen), bildungspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Baden-Württemberg, zehn ganz konkrete Fragen gestellt. Hier sind seine Antworten:

1. Mehr Geld, schlechtere Ergebnisse

Seit etwa 2015 haben sich die Kompetenzen deutscher Schülerinnen und Schüler bei PISA deutlich verschlechtert. Gleichzeitig lagen die öffentlichen Bildungsausgaben 2024 nominal bei rund 198 Milliarden Euro, davon rund 97 Milliarden Euro für Schulen. PISA 2025 weist nun in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften die niedrigsten deutschen Kompetenzwerte seit Beginn der PISA-Erhebungen aus. Wo kommt der gestiegene Mitteleinsatz tatsächlich im Unterricht an – und warum schlägt er sich bislang nicht in besseren Ergebnissen nieder?

Antwort Andreas Sturm MdL: „Die Zahlen zeigen: Mehr Geld allein macht noch keine bessere Bildung. Ein großer Teil der zusätzlichen Ausgaben fließt in Personal, höhere Personalkosten, Gebäude, Digitalisierung oder zusätzliche Aufgaben, die Schulen in den vergangenen Jahren übernommen haben. Das sind notwendige Ausgaben und in unserem Landeshaushalt gab es die letzten Jahre kräftige Steigerungen im Bildungsbereich. Das ist ein wichtiges Signal. Aber Bildungspolitik muss sich am Ende auch daran messen lassen, was bei den Schülerinnen und Schülern ankommt.
Dass Deutschland trotz steigender Ausgaben bei PISA einen historischen Tiefstand erreicht, ist deshalb ein ernstes Warnsignal. Die Pandemie hat Spuren hinterlassen, ebenso Lehrkräftemangel und eine gewachsene Heterogenität der Schülerschaft. Alle Studien weisen darauf hin, dass Bildung stark von dem sozialen Hintergrund beeinflusst wird, dies ist mittlerweile ein gewichtigerer Faktor als Migration. Das erklärt einen Teil der Entwicklung, darf aber keine Entschuldigung sein, wir haben keine andere Wahl als mit Hochdruck für Verbesserungen zu sorgen.
Wir müssen stärker fragen: Welche Maßnahmen wirken tatsächlich? Deshalb unterstütze ich eine Bildungspolitik, die Diagnostik, Unterrichtsqualität und Förderung stärker miteinander verbindet. In Baden-Württemberg setzen wir unter anderem mit SprachFit, den Lernbändern in Deutsch und Mathematik, „Starke BASIS!“, dem Startchancen-Programm und einer stärkeren Lernverlaufsdiagnostik genau dort an. Mein Grundsatz lautet: Nicht einfach mehr Geld ins System geben, sondern vorhandene und zusätzliche Mittel möglichst wirksam einsetzen. Und wenn eine Maßnahme nachweislich nicht funktioniert, müssen wir bereit sein, sie zu verändern.“

2. Ein Drittel unter dem Mindestniveau

32 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland verfehlen beim Lesen die PISA-Kompetenzstufe 2, in Mathematik sind es 34 Prozent, in den Naturwissenschaften 27 Prozent. Dabei geht es um grundlegende Fähigkeiten: die Hauptaussage eines mittellangen Textes verstehen, eine einfache Alltagssituation mathematisch darstellen oder anhand vorgegebener Daten eine Schlussfolgerung beurteilen können. Ab welchem Anteil von Schülerinnen und Schülern ohne diese Mindestkompetenzen würden Sie selbst von einem strukturellen Versagen des Bildungssystems sprechen?

Antwort Sturm: „Ich brauche dafür keinen theoretischen Grenzwert. Wenn etwa ein Drittel der 15-Jährigen nicht über die Kompetenzen verfügt, die notwendig sind, um einen einfachen Text sicher zu verstehen oder grundlegende mathematische Probleme zu lösen, haben wir ein strukturelles Problem. Das dürfen wir nicht beschönigen. Das hat Auswirkungen auf den gesamten weiteren Lebensweg, wir haben jetzt schon einen massiven Fachkräftemangel, wenn jetzt noch die Grundlagen fehlen, wird der wirtschaftliche Schaden noch größer.
Dabei bedeutet das für mich nicht, dass unser gesamtes Bildungssystem oder unsere Schulen `versagt´ hätten. Jeden Tag leisten Lehrkräfte hervorragende Arbeit. Aber ein Bildungssystem erfüllt eine seiner Kernaufgaben nicht ausreichend, wenn eine so große Gruppe junger Menschen die notwendigen Grundlagen nicht beherrscht.
Deshalb müssen die Basiskompetenzen wieder Priorität haben: Lesen, Schreiben, Rechnen und sprachliche Ausdrucksfähigkeit sind nicht ein Bildungsziel unter vielen, sondern die Voraussetzung für fast alles Weitere. Wir müssen früher diagnostizieren, früher fördern und konsequenter überprüfen, ob die Förderung funktioniert. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Anforderungen zu senken, sondern mehr Schülerinnen und Schüler zu befähigen, diese Anforderungen tatsächlich zu erreichen.“

3. 6 Prozent am Gymnasium, 47 Prozent an anderen Schularten

In Mathematik verfehlen am Gymnasium rund 6 Prozent der Jugendlichen die PISA-Kompetenzstufe 2, an den nicht gymnasialen Schularten sind es 47 Prozent. Wie erklären Sie diesen enormen Unterschied und wie wollen Sie erreichen, dass gerade dort verbindliche Standards, Diagnostik und wirksame Förderung greifen, wo heute fast jeder Zweite das mathematische Mindestniveau nicht erreicht?

Antwort Sturm: „47 Prozent sind eine Zahl, die niemand akzeptieren kann. Allerdings darf man aus dem Vergleich nicht vorschnell schließen, dass allein die Schulart die Ursache dafür ist. Gymnasien und andere weiterführende Schularten haben unterschiedliche Schülerpopulationen und unterschiedliche Ausgangslagen. PISA bildet deshalb auch soziale Unterschiede und bereits zuvor bestehende Leistungsunterschiede ab.
Gerade daraus folgt aber ein klarer Auftrag: Wir müssen die Schulen besonders stärken, an denen viele Kinder und Jugendliche zusätzlichen Unterstützungsbedarf haben. Dafür brauchen wir verbindliche Diagnostik und eine Förderung, die unmittelbar aus den Ergebnissen abgeleitet wird. Mit dem Startchancen-Programm, der sozialindexbasierten Ressourcenzuweisung, `Starke BASIS!´ und der Stärkung der Basiskompetenzen auch in der Sekundarstufe haben wir dafür Instrumente.
Ich halte nichts davon, aus diesen Zahlen eine neue Schulstrukturdebatte abzuleiten. Wir haben uns in Baden-Württemberg bewusst zu profilierten Schularten bekannt. Entscheidend ist, dass Realschulen, Werkrealschulen, Gemeinschaftsschulen und andere Schularten die Ressourcen und pädagogischen Instrumente erhalten, die sie für ihre jeweilige Schülerschaft benötigen. Fast jeder zweite Jugendliche unterhalb des mathematischen Mindestniveaus kann jedenfalls kein Zustand sein, mit dem wir uns abfinden.“

4. Bildungserfolg hängt weiterhin stark vom Elternhaus ab

Zwischen sozioökonomisch privilegierten und benachteiligten Jugendlichen liegen in den Naturwissenschaften in Deutschland 125 PISA-Punkte, im OECD-Durchschnitt sind es 85 Punkte. Nach Angaben des deutschen PISA-Studienleiters Samuel Greiff schaffen es nur rund 2 Prozent der sozial benachteiligten Jugendlichen in den leistungsstarken Bereich, bei den sozial Privilegierten sind es rund 25 Prozent. Warum ist es nach mehr als zwei Jahrzehnten Bildungsreformen nicht gelungen, den Bildungserfolg in Deutschland dauerhaft stärker vom Elternhaus zu entkoppeln und was muss sich jetzt konkret ändern?

Antwort Sturm: „Dieser Befund ist für mich einer der problematischsten der gesamten PISA-Studie. Bildung muss Aufstieg ermöglichen. Wenn der Bildungserfolg so stark davon abhängt, in welche Familie ein Kind geboren wird, erfüllt Schule ihr Aufstiegsversprechen nicht ausreichend.
Wir haben in Deutschland lange zu spät angesetzt. Wenn ein Kind bei der Einschulung bereits erhebliche sprachliche oder andere Entwicklungsrückstände hat, muss Schule in wenigen Jahren aufholen, was sich teilweise über Jahre aufgebaut hat. Deshalb müssen wir viel früher handeln.
In Baden-Württemberg werden wir SprachFit weiter ausbauen. Wir wollen darüber hinaus ein verbindliches und kostenfreies letztes Kindergartenjahr mit verbindlichen Bildungsinhalten schaffen. Hinzu kommen eine stärkere Lernverlaufsdiagnostik, gezielte Unterstützung von Schulen in herausfordernden sozialen Lagen, das Startchancen-Programm und multiprofessionelle Teams.
Für mich ist dabei wichtig: Bildungsgerechtigkeit bedeutet nicht, Leistungsanforderungen abzusenken. Im Gegenteil. Wir brauchen hohe Erwartungen an alle Kinder – aber unterschiedlich viel Unterstützung, damit möglichst viele diese Erwartungen erfüllen können. Herkunft darf die Startbedingungen beeinflussen, sie darf aber nicht über den Bildungsabschluss entscheiden.“

5. Ohne Sprache kein Bildungserfolg

PISA 2025 zeigt besonders große Rückstände bei Jugendlichen, die erst spät nach Deutschland gekommen sind. Zugleich verringern sich die Leistungsunterschiede deutlich, wenn soziale Herkunft, Geschlecht und die zu Hause gesprochene Sprache berücksichtigt werden. Baden-Württemberg hat mit „SprachFit“ bereits eine verbindliche Sprachförderung vor der Einschulung sowie zusätzliche Förderangebote in der Grundschule auf den Weg gebracht. Reicht dieses Konzept angesichts der neuen PISA-Ergebnisse aus? Wie messen Sie, ob SprachFit tatsächlich wirkt und was geschieht konkret, wenn ein Kind trotz Förderung beim Schuleintritt oder in den ersten Grundschuljahren weiterhin erheblichen Sprachförderbedarf hat?

Antwort Sturm: „SprachFit ist eine der wichtigsten bildungspolitischen Reformen, die Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren begonnen hat. Wenn bei der Einschulungsuntersuchung ein intensiver Sprachförderbedarf festgestellt wird, erhalten Kinder vor der Einschulung verpflichtend vier zusätzliche Förderstunden pro Woche in kleinen Gruppen. Im Endausbau soll dieses Angebot flächendeckend und verbindlich sein.
Aber SprachFit endet ausdrücklich nicht mit dem ersten Schultag. Ab diesem Schuljahr gibt es Juniorklassen für Kinder, die noch nicht über die notwendigen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Einstieg in Klasse 1 verfügen. Daneben sind zusätzliche Sprachförderstunden in den Klassen 1 und 2, weitere Förderung in den Klassen 3 und 4 sowie eine durchgängige Sprachbildung vorgesehen.
Entscheidend ist jetzt die Wirkungskontrolle. Wir müssen dokumentieren, mit welchem Sprachstand ein Kind in die Förderung geht und welche Fortschritte es macht. Wenn der Förderbedarf bestehen bleibt, muss die Förderung fortgesetzt und angepasst werden. Kultusminister Andreas Jung hat nach PISA zu Recht auch die Frage aufgeworfen, ob wir Sprach- und Entwicklungsstände künftig noch früher erfassen sollten.
SprachFit ist deshalb für mich kein abgeschlossenes Programm. Es ist ein System, das wir auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse weiterentwickeln müssen.“

6. Immer mehr Schulbegleitung – Symptom eines strukturellen Problems?

In Bayern stieg die Zahl der über die Jugendhilfe nach § 35a SGB VIII finanzierten Schulbegleitungen für Kinder mit seelischer Behinderung von 2.755 Fällen im Jahr 2018 auf 6.842 im Jahr 2024; die Ausgaben erhöhten sich von 48,5 auf mehr als 133,5 Millionen Euro. Auch Hamburg verzeichnet seit Jahren einen starken Anstieg bei Fallzahlen und Kosten. Wie entwickelt sich die Schulbegleitung in Baden-Württemberg und wie verhindern Sie, dass individuelle Schulbegleitung zunehmend strukturelle Defizite des Schulsystems kompensieren muss? Braucht es mehr und frühere Diagnostik, kleinere Lerngruppen, stärkere multiprofessionelle Teams und häufiger Poolmodelle statt immer mehr Eins-zu-eins-Begleitungen?

Antwort Sturm: „Auch in Baden-Württemberg steigen die Zahlen deutlich. Schulbegleitung ist für viele Kinder unverzichtbar und ein wichtiger Bestandteil ihrer Teilhabe an Bildung. Ein individueller Rechtsanspruch darf deshalb nicht aus Kostengründen infrage gestellt werden. Gleichzeitig müssen wir genau hinschauen, ob Eins-zu-eins-Begleitung in jedem Fall die pädagogisch beste Lösung ist oder ob damit teilweise Probleme aufgefangen werden, die wir strukturell besser lösen könnten.
Deshalb halte ich multiprofessionelle Teams, pädagogische Assistenzen, eine bessere und frühere Diagnostik und, wo es zum individuellen Bedarf passt, Poolmodelle für sinnvoll. Statt pauschal kleinere Klassen zu versprechen, sollten wir gerade für Kinder mit besonderem Förderbedarf gezielt kleinere Lerngruppen und Förderangebote ermöglichen.
Schulbegleitung muss individuelle Teilhabe ermöglichen. Sie darf aber nicht zum Ersatz für eine ausreichende personelle und sonderpädagogische Ausstattung unserer Schulen werden. Hier müssen Schule, Jugendhilfe und Eingliederungshilfe besser zusammengedacht werden.“

7. KI verändert Schule schneller als die Prüfungen

Jeder zweite 15-Jährige in Deutschland nutzt laut PISA mindestens einmal pro Woche KI-Chatbots zum Lernen. 36 Prozent verwenden KI auch zum Entwerfen von Texten für Hausaufgaben. Gleichzeitig erreicht Deutschland beim erstmals untersuchten modellbasierten Problemlösen mit 498 Punkten lediglich OECD-Durchschnitt. Welche Bedeutung haben klassische Hausaufgaben noch, wenn KI in Sekunden fertige Texte und Lösungen liefern kann? Welche Aufgaben- und Prüfungsformate müssen sich deshalb verändern und welche konkreten Änderungen will die CDU-Landtagsfraktion in Baden-Württemberg vorantreiben?

Antwort Sturm: „KI wird Schule grundlegend verändern. Eine Hausaufgabe, bei der nur ein Text produziert oder eine Standardaufgabe gelöst werden soll, hat einen Teil ihres bisherigen Aussagewertes verloren, wenn eine KI diese Aufgabe innerhalb weniger Sekunden erledigen kann.
Das heißt aber nicht, dass Hausaufgaben oder schriftliche Prüfungen überflüssig werden. Im Gegenteil: Wir brauchen weiterhin Situationen, in denen Schülerinnen und Schüler ohne KI zeigen, was sie selbst können. Gleichzeitig müssen Aufgaben stärker auf Verstehen, Transfer, Argumentation und Reflexion ausgerichtet werden. Dazu können mündliche Erläuterungen, Präsentationen, dokumentierte Arbeitsprozesse oder Aufgaben gehören, bei denen Schülerinnen und Schüler KI-Ergebnisse überprüfen, Fehler erkennen und Quellen bewerten müssen.
Baden-Württemberg hat KI bereits rechtlich und pädagogisch in den Blick genommen; außerdem wurde das Pflichtfach Informatik und Medienbildung eingeführt. Der neue Koalitionsvertrag sieht ausdrücklich eine KI-Agenda vor, bei der auch die Prüfungskultur betrachtet werden soll.
Ich möchte, dass wir dabei schneller werden. Schulen und Lehrkräfte brauchen klare Regeln: Wann darf KI eingesetzt werden? Wie muss ihre Nutzung kenntlich gemacht werden? Und welche Leistungen müssen Schülerinnen und Schüler weiterhin eigenständig erbringen? KI-Kompetenz heißt für mich nicht nur, einen guten Prompt schreiben zu können, sondern vor allem selbst genug zu wissen, um eine KI kritisch beurteilen zu können.“

8. Wenn ein Drittel Schule für Zeitverschwendung hält

33 Prozent der deutschen 15-Jährigen stimmen der Aussage zu, Schule sei Zeitverschwendung; im OECD-Durchschnitt sind es 24 Prozent. Zugleich berichten 31 Prozent, mindestens einige Male im Monat von mindestens einer Form von Mobbing betroffen zu sein. Wie wollen Sie Verbindlichkeit, Konzentration, Leistungsbereitschaft und ein gutes Lernklima wieder stärken? Braucht Baden-Württemberg konsequentere Regeln bei Anwesenheit und Verhalten, eine deutlichere Leistungsrückmeldung und verbindlichere Regelungen für Smartphones und andere digitale Ablenkungen?

Antwort Sturm: „Ich bin mir sicher, dass vor 30 oder 40 Jahren ebenso viele Jugendliche die Schule in einer Umfrage für Zeitverschwendung wahrgenommen haben. Wenn aber jeder dritte regelmäßig Erfahrungen mit Mobbing macht, müssen wir das sehr ernst nehmen.
Schule braucht Verbindlichkeit. Dazu gehören regelmäßige Anwesenheit, klare Regeln, ein respektvoller Umgang, nachvollziehbare Konsequenzen bei Regelverstößen und eine ehrliche Leistungsrückmeldung. Kinder und Jugendliche brauchen Orientierung und müssen wissen, was von ihnen erwartet wird.
Das gilt auch für Smartphones. Baden-Württemberg hat deshalb bereits gesetzlich festgelegt, dass alle Schulen verbindliche Regeln zur privaten Nutzung von Handys und anderen mobilen Endgeräten entwickeln müssen. Seit Beginn dieses Schuljahres müssen diese Regeln vorhanden sein. Ein ungeregelter Umgang ist damit nicht mehr möglich.
Aber Regeln allein reichen nicht. Unterricht muss anspruchsvoll sein, Erfolgserlebnisse ermöglichen und den Schülerinnen und Schülern vermitteln, warum das Gelernte für ihr weiteres Leben wichtig ist. Außerdem müssen wir Mobbing konsequent begegnen und Lehrkräfte bei guter Klassenführung unterstützen. Ein gutes Lernklima ist keine Nebensache: Ohne Ruhe, Sicherheit und gegenseitigen Respekt kann guter Unterricht kaum gelingen.“

9. Andere Länder zeigen, dass bessere Ergebnisse möglich sind

Estland gehört auch bei PISA 2025 zur europäischen Spitzengruppe. Die Schweiz und Österreich schneiden in allen drei klassischen PISA-Bereichen über dem OECD-Durchschnitt ab, während Deutschland inzwischen nur noch OECD-Mittelmaß erreicht. Gleichzeitig weist PISA-Studienleiter Samuel Greiff darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Leistung in Deutschland deutlich stärker ausgeprägt ist als etwa in Kanada. Frühe Diagnostik, verbindliche Sprachförderung, datengestützte Förderung und eine konsequente Konzentration auf Basiskompetenzen werden seit Jahren als zentrale Hebel genannt. Was davon setzen Sie in Baden-Württemberg in den kommenden zwei Jahren konkret um und welche Strukturen des deutschen beziehungsweise baden-württembergischen Schulsystems wären Sie dafür bereit zu verändern?

Antwort Sturm: „Wir können die Situation in den anderen Ländern nicht eins-zu-eins mit Deutschland vergleichen, allein die soziale Struktur ist in den skandinavischen Ländern grundlegend anders. Trotzdem sollten wir von erfolgreichen Ländern lernen, ohne ihre Bildungssysteme einfach zu kopieren. Besonders überzeugend finde ich vier Prinzipien: früh hinschauen, verbindlich fördern, Lernfortschritte systematisch messen und Schulen mit besonders großen Herausforderungen stärker unterstützen.
Genau dort setzen wir in Baden-Württemberg in den kommenden Jahren an. SprachFit wird bis zum Schuljahr 2027/28 flächendeckend ausgebaut. Wir wollen ein verbindliches und kostenfreies letztes Kindergartenjahr mit verbindlichen Bildungsinhalten einführen. Die digital gestützte Lernverlaufsdiagnostik soll flächendeckend ausgebaut werden. Mit Startchancen und einer sozialindexbasierten Ressourcenzuweisung sollen Schulen mit größeren Herausforderungen gezielter unterstützt werden. Gleichzeitig stärken wir mit Lernbändern und `Starke BASIS!´ Deutsch, Lesen und Mathematik.
Dabei bin ich auch bereit, Strukturen zu verändern. Ressourcen sollten stärker dort eingesetzt werden, wo der Bedarf besonders hoch ist. Erkenntnisse aus Leistungserhebungen müssen konsequenter Folgen für Unterricht und Förderung haben. Und Kita und Schule müssen stärker als zusammenhängende Bildungsbiografie gedacht werden.
Eine neue Debatte über die Abschaffung einzelner Schularten halte ich dagegen nicht für die Antwort auf PISA. Wir sollten unsere Energie in die Qualität des Unterrichts und die Förderung der Kinder investieren statt erneut jahrelang über Schulstrukturen zu streiten.“

10. Woran messen Sie den Erfolg des Startchancen-Programms?

Bund und Länder investieren über zehn Jahre rund 20 Milliarden Euro in gut 4.000 Startchancen-Schulen. Bis zum Ende des Programms im Schuljahr 2033/34 soll dort die Zahl der Schülerinnen und Schüler halbiert werden, die die Mindeststandards in Deutsch und Mathematik verfehlen. Die Zwischenevaluation 2028 soll zunächst insbesondere prüfen, ob funktionierende Programmstrukturen entstanden sind; Kompetenzmessungen erfolgen an einer Stichprobe von 300 Startchancen-Schulen in regelmäßigen Abständen. Welche messbaren Fortschritte erwarten Sie bis zur ersten Zwischenbilanz speziell an den Startchancen-Schulen in Baden-Württemberg und welche Konsequenzen muss Politik ziehen, wenn sich trotz Milliardeninvestitionen bei den Kompetenzen keine deutliche Verbesserung zeigt oder das Ziel der Halbierung bis 2034 verfehlt wird?

Antwort Sturm: „In Baden-Württemberg profitieren 540 Schulen mit rund 140.000 Schülerinnen und Schülern vom Startchancen-Programm. Über zehn Jahre stehen dafür im Land rund 2,6 Milliarden Euro zur Verfügung. Bei einer solchen Größenordnung muss es selbstverständlich sein, dass wir nicht nur messen, wie viel Geld ausgegeben wurde, sondern was sich für die Kinder verbessert hat.
Bis 2028 erwarte ich noch nicht, dass sämtliche langfristigen Ziele erreicht sind. Aber wir müssen erkennen können, dass sich die Entwicklung in die richtige Richtung bewegt. Dazu gehören für mich messbare Lernfortschritte in Deutsch und Mathematik, bessere Sprachkompetenzen, eine positive Entwicklung bei Fehlzeiten und Schulklima sowie funktionierende Förderstrukturen an den Schulen.
Dabei brauchen wir für jede Schule eine belastbare Ausgangslage. Nur dann können wir feststellen, welchen Lernzuwachs die Schülerinnen und Schüler tatsächlich erzielen.
Und auch hier gilt: Ein Milliardenprogramm darf kein politischer Blankoscheck sein. Wenn bestimmte Maßnahmen keine Wirkung zeigen, müssen sie verändert oder durch wirksamere Maßnahmen ersetzt werden. Wenn Schulen trotz zusätzlicher Ressourcen keinen Fortschritt erzielen, müssen wir untersuchen, woran es liegt: bei der Umsetzung, der personellen Ausstattung oder beim pädagogischen Ansatz.
Das Ziel, den Anteil der Schülerinnen und Schüler unterhalb der Mindeststandards bis 2034 zu halbieren, ist ambitioniert. Genau deshalb müssen wir schon vorher transparent überprüfen, ob wir auf Kurs sind. Bildungspolitik muss den Mut haben, nicht nur Programme zu starten, sondern auch ihre Wirkung zu messen und aus den Ergebnissen Konsequenzen zu ziehen.“

(Das Interview mit Andreas Sturm MdL führte Matthias Busse für www.schwetzingen-lokal.de)

Link zur Website von Andreas Sturm MdL: www.andreas-sturm.com
Weiterer Bericht über Andreas Sturm auf unserer Internetseite: Voller Einsatz für die Kurpfalz und das Land: Dr. Andre Baumann und Andreas Sturm

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